Fire on Fire
Bloom Sky
am 09.09.2021
Sky bemerkte die Veränderung nicht an einem bestimmten Moment.
Es war nichts Großes.
Kein plötzliches Innehalten, kein Satz, der alles veränderte, keine dieser dramatischen Gesten, aus denen Geschichten später ihre entscheidenden Augenblicke machten.
Es war vielmehr die Art, wie Bloom ihren Kopf an seiner Schulter ruhen ließ.
Wie ihre Finger seine hielten.Wie sie einfach weitergingen.
Und vielleicht war genau das der Grund, weshalb es ihn so sehr traf.
Sky senkte für einen Augenblick den Blick auf ihre miteinander verschränkten Hände. Ein kaum sichtbares Lächeln lag auf seinen Lippen.
*Nur wir.*
Er hatte die Worte gesagt, ohne lange darüber nachzudenken.
Jetzt, da sie zwischen ihnen existierten, begriff er langsam, wie sehr er sie gemeint hatte.
Nicht Prinzessin Bloom von Domino.Nicht Prinz Sky von Eraklyon.
Keine Titel. Keine Königreiche. Keine Erwartungen.
Keine Leute, die bereits wussten, was richtig für sie war, bevor sie überhaupt die Gelegenheit bekamen, selbst darüber nachzudenken.
Einfach Bloom. Und Sky.
Verdammt, das klang beinahe zu einfach. Vielleicht gefiel es ihm gerade deshalb so gut.
Als Bloom schließlich den Kopf wieder hob und ihn mit diesem Blick ansah, wusste Sky allerdings sofort, dass die friedliche Stimmung ein vorläufiges Ende gefunden hatte.
Seine Augen verengten sich gespielt misstrauisch.
Und tatsächlich.
Das Frühstück. **
„Oh, natürlich.“**
Sky nickte langsam, als hätte sie gerade einen äußerst wichtigen Punkt klargestellt.
**
„Du hast niemals behauptet, ich müsste kochen.“**
Sein Tonfall war viel zu zustimmend.
**
„Du möchtest lediglich jeden Morgen ein vernünftiges Frühstück, während wir irgendwo in einem kleinen Haus am Meer leben.“**
Er sah nach vorn und zog nachdenklich die Brauen zusammen.
**
„Völlig andere Sache.“**
Eine kurze Pause. Dann wanderte sein Blick wieder zu ihr.
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„Ich nehme an, das Frühstück materialisiert sich einfach?“**
Das Grinsen ließ sich nicht mehr unterdrücken.
**
„Oder gehört zu deinem perfekten Zukunftsplan zufällig irgendein Zauber, der Kaffee und Essen erscheinen lässt?“**
Sky hob eine Braue.
**
„Denn falls ja, hätte ich gern gewusst, warum wir diese Fähigkeit bisher nicht wesentlich sinnvoller eingesetzt haben.“**
Allein die Vorstellung war absurd. Und gleichzeitig erschreckend schön.
Bloom mit zerzausten Haaren an irgendeinem Küchentisch. Er selbst vermutlich noch halb schlafend. Kaffee. Ein offenes Fenster. Das Meer irgendwo dahinter.
Keine Uniform. Kein Schwert.
Kein verdammtes Königreich, das etwas von ihnen wollte.
Vielleicht würde Bloom tatsächlich darauf bestehen, dass er Frühstück machte.
Vielleicht würde er es sogar lernen.
Wobei er diesen Teil unter keinen Umständen laut aussprechen würde.
Noch hatte er schließlich einen Ruf zu verlieren.
**
„Aber gut.“**, erklärte er schließlich großzügig. **
„Wir halten fest: Ich muss nicht kochen.“**
Sein Mundwinkel hob sich.
**
„Wenn ich es trotzdem tue und wir beide daran sterben, möchte ich allerdings, dass auf meinem Grabstein steht, dass es deine Idee war.“**
Ihr Lachen brachte ihn selbst zum Lächeln.Dieses freie Lachen.
Sky mochte es.
Mehr, als er vermutlich erklären konnte. Er kannte so viele Versionen von Bloom.
Die sture. Die wütende. Die mutige. Die verzweifelte.
Diejenige, die sich in Gefahr stürzte, weil irgendwo jemand ihre Hilfe brauchte.
Diejenige, die behauptete, alles wäre in Ordnung, obwohl er längst sah, dass überhaupt nichts in Ordnung war.
Aber diese Bloom?
Die einfach neben ihm ging und darüber scherzte, wer irgendwann Frühstück machen würde?
Die bekam die Welt viel zu selten zu sehen.
Vielleicht wollte Sky sie deshalb ein bisschen länger für sich behalten.
Als sie mit den Landkarten anfing, blieb sein Gesicht zunächst vollkommen ernst.
**
„Moment.“**
Er drehte den Kopf zu ihr.
**
„Du willst also vernünftiges Frühstück, ein Haus am Meer und erwartest jetzt auch noch, dass ich für die Navigation verantwortlich bin?“**
Empörung lag in seiner Stimme. Sehr überzeugende Empörung, wie er fand.
**
„Bloom, ich habe langsam das Gefühl, dass die Aufgabenverteilung in dieser Beziehung ausgesprochen unfair ist.“**
Ihre Finger glitten über seinen Handrücken.Sky sah kurz hinunter.
Dann wieder zu ihr. **
„Und deine Unterstützung besteht darin, Tee zu trinken?“**
Er schnaubte leise. **
„Beeindruckend.“** Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
**
„Wirklich aufopferungsvoll.“**
Er zog ihre miteinander verschränkten Hände leicht zu sich.
**
„Aber nur damit wir das geklärt haben: Wenn wir uns verlaufen, verlaufen *wir* uns.“**
Seine Augen funkelten belustigt.
**
„Du wirst nicht irgendwo gemütlich mit deinem Tee sitzen und behaupten, ich hätte uns falsch geführt.“**
Eine Pause.
**
„Zumindest nicht, bevor ich selbst einen Kaffee bekommen habe.“**
Danach wurde es wieder still. Und Sky stellte fest, dass er diese Stille mochte.
Normalerweise war Stille etwas, das gefüllt werden musste.Mit Entscheidungen.
Strategien.Fragen. Irgendetwas verlangte immer Aufmerksamkeit.
Hier nicht. Der Weg lag vor ihnen, ohne ihnen zu verraten, wohin er führte.
Früher hätte Sky das vermutlich gestört.
Er war ausgebildet worden, Pläne zu haben. Einen Gegner einzuschätzen. Risiken zu erkennen, bevor sie gefährlich wurden.
Ein Spezialist lief nicht einfach blind irgendwohin. Ein Prinz vermutlich noch weniger. Doch gerade hatte Sky überhaupt kein Problem damit.
Vielleicht weil Blooms Hand in seiner lag.
Vielleicht weil er langsam verstand, dass nicht jede Ungewissheit eine Bedrohung war.
Manche war einfach... Möglichkeit. Dann verlangsamte Bloom ihre Schritte.
Sky bemerkte es sofort.Nicht nur ihre Bewegung veränderte sich.
Ihre Stimme ebenfalls.
Der spielerische Ton verschwand. Er drehte den Kopf zu ihr und das Grinsen auf seinen Lippen verblasste.
*Dann möchte ich, dass du mir versprichst, dass ich dir auch sagen darf, wenn ich Angst habe.*
Sky blieb stehen. Nicht abrupt.
Nur so, dass ihre nächsten Schritte langsam versiegten und sie schließlich mitten auf diesem unbekannten Weg standen.
Seine Hand blieb in ihrer.Er sagte zunächst nichts.
Weil er nicht wollte, dass irgendeine schnelle Antwort die Bedeutung ihrer Worte kleiner machte.
Bloom hatte Angst.Natürlich wusste er das. Er hatte sie oft genug gesehen.
Hatte gesehen, wie ihre Augen für Sekunden verrieten, was sie kurz darauf mit Entschlossenheit überspielte. Doch meistens sprach sie erst darüber, wenn der schlimmste Moment vorbei war.
Wenn sie ihre Angst bereits sortiert hatte. Wenn sie wieder wusste, was zu tun war. Wenn sie wieder *Bloom* sein konnte, wie alle anderen sie brauchten.
Stark. Entschlossen. Unerschütterlich.
Sky drehte sich vollständig zu ihr. **
„Bloom.“**
Seine Stimme war ruhig. Kein Scherz diesmal.
Er hob ihre verschränkten Hände etwas an, während seine andere Hand langsam ihren Oberarm entlangstrich, bis seine Finger schließlich an ihrer Wange lagen.
Sein Daumen bewegte sich sanft über ihre Haut. **
„Du musst mich nicht darum bitten.“**
Sein Blick blieb fest auf ihrem. **
„Du darfst Angst haben.“**
Ein kleiner Atemzug. **
„Du darfst mir sagen, dass du Angst hast, bevor du weißt, wie du sie besiegst.“**
Etwas Weiches trat in seinen Ausdruck.
**
„Du darfst sogar Angst haben, ohne sie überhaupt zu besiegen.“**
Vielleicht war genau das der Teil, den sie am schwersten glauben würde.
Sky kannte dieses Gefühl selbst gut genug.
Die Vorstellung, dass Schwäche etwas war, das man möglichst schnell überwinden musste. Ein Prinz hatte keine Angst. Ein Spezialist zögerte nicht.
Ein Anführer wusste, was zu tun war. Was für ein Unsinn.
Natürlich hatte er Angst gehabt. Mehr als einmal.
Um seine Freunde. Um sein Königreich. Um sie. Vor allem um sie.
**
„Ich will nicht nur die Version von dir, die schon wieder eine Antwort gefunden hat.“**
Seine Stimme wurde leiser.
**
„Oder die Bloom, die gerade stark genug ist, um alle anderen zu retten.“**
Sein Daumen hielt für einen Moment an ihrer Wange inne. **
„Ich will dich.“**
So einfach. Sein Herz schlug trotzdem etwas schneller.
**
„Auch wenn du keine Ahnung hast, was du tun sollst.“** Eine kurze Pause.
**
„Auch wenn du Angst hast.“**
Sein Mundwinkel hob sich ein wenig. **
„Auch wenn du morgens vor dem ersten Kaffee vermutlich unausstehlich bist.“**
Da war es wieder. Dieses kleine Grinsen.
Gerade genug, damit die Schwere zwischen ihnen nicht erdrückend wurde.
Doch seine Augen blieben ernst.
**
„Du musst bei mir nicht erst wieder stark werden, Bloom.“**
Er senkte seine Stirn langsam gegen ihre. **
„Das verspreche ich dir.“**
Für einen Moment schloss Sky die Augen. Ihre Nähe war vertraut. Warm.
Und dann kam ihr Versprechen. Dass sie nicht automatisch davonlaufen würde, wenn es schwierig wurde.
*Zumindest meistens.*
Sky öffnete die Augen wieder. Langsam. Seine Braue wanderte nach oben.
**
„Meistens?“**
Ungläubigkeit. **
„Das ist dein großes Versprechen?“**
Jetzt grinste er. **
„Ich öffne dir gerade mein Herz und bekomme *meistens*?“**
Er schüttelte den Kopf. **
„Unglaublich.“**
Doch seine Finger verschränkten sich nur noch fester mit ihren. **
„Aber gut.“**
Er neigte den Kopf etwas. **
„Ich nehme meistens.“**
Ein kurzes Lachen entwich ihm. **
„Unter einer Bedingung.“**
Sein Blick wurde herausfordernd.
**
„Wenn du einen deiner dramatischen Auftritte hinlegst und davonstürmst, darf ich dir folgen.“**
Seine Brauen hoben sich. **
„Und du darfst dich nicht darüber beschweren.“**
Eine Sekunde. **
„Na gut. Du darfst dich beschweren.“**
Er kannte sie schließlich. **
„Aber ich werde trotzdem mitkommen.“**
Das war vermutlich das Einzige, was er ihr nicht versprechen konnte.
Dass er sie einfach gehen lassen würde.Nicht, wenn sie ging, weil sie Zeit brauchte.
Das würde er respektieren.Nicht, wenn sie wirklich allein sein wollte.
Aber wenn sie davonlief, weil sie glaubte, alles allein tragen zu müssen?
Nein.
Damit würde sie sich abfinden müssen.
**
„Und falls *ich* irgendwann auf die brillante Idee komme, dass ich irgendetwas allein regeln muss, nur weil ich Prinz, Spezialist oder irgendeinen anderen bedeutungsschweren Titel habe...“**
Sky verzog leicht den Mund.
**
„...darfst du mich ebenfalls daran erinnern.“**
Sein Blick wurde ruhiger. **
„Nur wir.“**
Wieder diese zwei Worte. Diesmal klangen sie anders. Nicht mehr wie eine Vorstellung.
Eher wie eine Vereinbarung. Sky ließ seine Hand von ihrer Wange gleiten und verschränkte seine Finger wieder vollständig mit ihren.
Dann setzte er sich langsam wieder in Bewegung.Nicht weil der Moment vorbei war. Sondern weil er nicht vorbei sein musste, nur weil sie weitergingen.
Nach wenigen Schritten warf er Bloom einen Seitenblick zu.
**
„Übrigens.“**
Ein gefährlich unschuldiger Tonfall.
**
„Ich habe gerade über unsere Aufgabenverteilung nachgedacht.“**
Seine Lippen zuckten.
**
„Wenn ich Karten lesen und mich ums Frühstück kümmern soll, bist du für sämtliche Spinnen im Haus zuständig.“**
Vollkommen ernst sah er nach vorn.
**
„Nicht verhandelbar.“**
Eine weitere Sekunde verging.
**
„Und bevor du irgendetwas sagst: Feuer ist bei Spinnen ausdrücklich erlaubt.“**
Jetzt konnte er das Grinsen nicht länger unterdrücken. Vielleicht war das Zukunft.
Nicht zu wissen, wo sie morgen waren. Nicht zu wissen, welche Kämpfe noch auf sie warteten.
Nicht einmal zu wissen, ob dieses kleine Haus am Meer jemals existieren würde.
Aber ihre Hand lag in seiner. Bloom durfte Angst haben.
Er durfte Angst haben. Und keiner von ihnen musste daraus sofort Stärke machen. Sie konnten einfach weitergehen.
Sky drückte ihre Hand sanft. Die Zukunft lag irgendwo vor ihnen.
Zum ersten Mal musste er nicht wissen, wohin sie führte.
Solange Bloom neben ihm ging, war er bereit herauszufinden, was hinter der nächsten Biegung auf sie wartete.