am 02.10.2021
Das Portal hinter ihr war längst zu einem schmalen, flackernden Riss in der Dunkelheit geschrumpft, doch Bloom spürte seine Gegenwart noch immer wie einen Druck zwischen den Schulterblättern. Jeder Atemzug schmeckte nach kalter Asche und etwas Metallischem, das sich nicht benennen ließ. Das Reich der Finsternis lag nicht einfach nur im Schatten der Anderswelt; es schien aus Schatten zu bestehen. Sie krochen über den Boden, sammelten sich in den zerklüfteten Vertiefungen der schwarzen Landschaft und verloren sich wieder in einer Ferne, die keine klare Grenze besaß. Über ihr spannte sich kein wirklicher Himmel, sondern eine endlose, trübe Schwärze, durchzogen von matten rötlichen Schlieren, die aussahen wie Narben in der Wirklichkeit. Bloom blieb zunächst stehen, die Finger unbewusst zu Fäusten geballt, während sie versuchte, sich an das Gefühl zu gewöhnen, nicht mehr zu wissen, wo oben und unten war. Alfea, ihre Freundinnen, Sky – alles lag nun hinter diesem Portal. Auch wenn sie die Entscheidung selbst getroffen hatte, bedeutete das nicht, dass sie sich leicht anfühlte. Im Gegenteil. Die Gewissheit, dass ihre Freundinnen vielleicht noch immer in Gefahr waren und sie sie nicht beschützen konnte, brannte beinahe ebenso heiß wie das Feuer, das tief in ihrem Inneren schlummerte. Ich kann nicht zurück, bevor ich es versiegelt habe. Nicht, wenn dadurch alle anderen gefährdet bleiben. Der Gedanke war fest, aber nicht frei von Angst. Seit Sebastian ihr erzählt hatte, dass ihre Mutter in diesem Reich leben sollte, hatte Bloom versucht, die Hoffnung von der Furcht zu trennen. Beides war ihr nicht gelungen. Zu viele Fragen hatten sich in ihr festgesetzt: Warum war sie verlassen worden? Was war damals wirklich geschehen? Und weshalb hatte ihre Mutter sie all die Jahre der Erde und einer Familie überlassen, die sie zwar geliebt hatte, aber niemals die Wahrheit hatte kennen können?
Mit vorsichtigen Schritten setzte Bloom sich in Bewegung. Der Boden unter ihren Stiefeln war nicht fest wie Stein, sondern gab bei jedem Tritt leicht nach, als würde etwas darunter atmen. Sofort spannte sich ihr ganzer Körper an. Ein schwacher Schimmer glomm an ihren Händen auf, zunächst kaum mehr als ein warmer Schein zwischen ihren Fingern, doch allein seine Anwesenheit verlieh ihr einen Rest von Sicherheit. Die Flamme reagierte empfindlich auf ihre Gefühle und zuckte unruhig, wann immer ein fremdartiges Geräusch aus der Finsternis drang. Bloom zwang sich, nicht jedem Knacken nachzugehen. Sie durfte ihre Kräfte nicht verschwenden, nicht hier, wo sie weder wusste, welche Gefahren auf sie lauerten, noch wie lange sie würde durchhalten müssen. Dennoch blieb sie immer wieder stehen, hob den Kopf und lauschte. Ein fernes Wispern strich durch die Dunkelheit, zu undeutlich, um Worte zu bilden, und gerade deshalb ließ es ihre Nackenhaare aufrichten. Sie drehte sich langsam um, suchte den Bereich hinter sich ab und betrachtete den schmalen Riss des Portals. Er war noch da. Das Wissen beruhigte sie nur für einen Moment. Dann richtete sie den Blick wieder nach vorn und bemerkte zwischen den schwarzen Felsen einen schwachen, bläulichen Schein. Er passte nicht in diese Landschaft. Er erinnerte sie an Magie, aber nicht an die vertraute, lebendige Energie von Alfea. Eher wirkte er wie ein Echo, das durch die Finsternis drang. Bloom hob eine Hand, und die Flamme auf ihrer Haut wurde heller, während sie sich dem Licht näherte. Hallo? Ihre Stimme klang in der Weite fremd und wurde von den Felsen verschluckt, ohne dass eine Antwort folgte. Trotzdem blieb sie nicht stehen. Wenn sich dort ein Hinweis auf ihre Mutter befand, konnte sie ihn nicht ignorieren. Und wenn es eine Falle war, musste sie wenigstens herausfinden, womit sie es zu tun hatte. Jeder Schritt führte sie tiefer in eine unbekannte Welt, doch zugleich fühlte es sich an, als würde sie sich dem Kern all jener Fragen nähern, die sie seit ihrer Kindheit verfolgt hatten.
Als Bloom den Rand der Felsen erreichte, kniete sie sich nieder und streckte die Hand über den Boden, ohne ihn zu berühren. Die Wärme ihrer Magie breitete sich in dünnen Wellen aus. Für einen kurzen Augenblick flackerte das blaue Licht stärker auf, und in seinem Schein erkannte sie feine Linien, die sich wie Adern durch das dunkle Gestein zogen. Sie bildeten kein erkennbares Muster, aber etwas daran kam ihr bekannt vor. Nicht aus einem konkreten Gedächtnis, sondern aus jenem unbestimmten Gefühl, das sie manchmal überfiel, wenn ihre Kräfte außer Kontrolle gerieten: ein Ziehen tief in ihrer Brust, verbunden mit der Ahnung, dass ihre Magie älter und größer war, als sie selbst verstand. Bloom schluckte und ließ die Hand langsam sinken. Wenn du wirklich hier bist, Mom, dann gib mir wenigstens ein Zeichen. Der Wunsch war leise, fast kindlich, und gerade deshalb traf er sie härter als jede Bedrohung. Sie hatte sich so lange eingeredet, dass sie nur Antworten wollte. Doch nun, da sie möglicherweise kurz davorstand, ihre Mutter zu finden, erkannte sie, dass sie sich ebenso sehr nach einer Erklärung sehnte, die den Schmerz nicht bedeutungslos werden ließ. Die Flamme an ihren Fingern wuchs plötzlich auf, ohne dass Bloom es bewusst beabsichtigt hatte. Sie schloss die Hand, atmete langsam ein und versuchte, die aufsteigende Wut zu bändigen. Dann legte sie die freie Hand auf eine der leuchtenden Linien. Ein prickelnder Strom fuhr durch ihren Arm, ließ ihre Knie erzittern und riss für einen Herzschlag lang Bilder an die Oberfläche: ein rotes Leuchten, eine Gestalt hinter einem Schleier aus Dunkelheit und das Gefühl, dass jemand ihren Namen kannte. Bloom riss die Hand zurück, taumelte einen Schritt nach hinten und presste die Finger gegen ihre Brust. Ihr Herz schlug heftig. Sie wusste nicht, ob die Vision eine Erinnerung, eine Warnung oder eine bewusst gelegte Spur gewesen war. Aber sie wusste, dass sie nicht zufällig hierhergeführt worden war. Mit erhobenem Blick und neu entfachtem Feuer in den Augen wandte sie sich dem bläulichen Schein zu. Ich werde dich finden. Aber ich lasse mich nicht noch einmal im Dunkeln zurück. Ihre Worte waren nicht laut, doch sie trugen eine Entschlossenheit in sich, die selbst die Finsternis nicht auslöschen konnte. Langsam setzte Bloom ihren Weg fort, bereit, jedem Hinweis zu folgen, ohne zu wissen, was hinter dem nächsten Schatten auf sie wartete.
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